PRESSEINFORMATION 10 / 2026

Neue Studie untersucht die Polytechnische Gesellschaft im Nationalsozialismus

Eine wissenschaftliche Studie am Fritz Bauer Institut beleuchtet Anpassung, Ausgrenzung und Verfolgung von Mitgliedern des traditionsreichen Bürgervereins während der nationalsozialistischen Herrschaft. Polytechnische Gesellschaft und Stiftung Polytechnische Gesellschaft stellen sich den Ergebnissen und wollen Erinnerungsarbeit und Engagement gegen Antisemitismus weiter stärken.

FRANKFURT AM MAIN, 8. OKTOBER 2026. Wie verhielt sich die Polytechnische Gesellschaft während der Zeit des Nationalsozialismus? Wie ging sie mit ihren jüdischen und politisch verfolgten Mitgliedern um? Und wie setzte sich der 1816 gegründete Frankfurter Bürgerverein nach 1945 mit der eigenen Vergangenheit auseinander? Diesen Fragen geht der Historiker János Varga in seiner neuen Studie „Bürgersinn und Nationalsozialismus. Die Polytechnische Gesellschaft in Frankfurt am Main und ihre Mitglieder“ nach, die jetzt im Wallstein Verlag erscheint.

Die am Fritz Bauer Institut Frankfurt erstellte wissenschaftliche Untersuchung zeichnet ein differenziertes und in Teilen bedrückendes Bild. Dabei geht Varga zunächst vom eigenen Anspruch der Polytechniker aus und ihrem Eintreten für den „Bürgersinn“ als zentralem Aspekt der eigenen Haltung. Ihm entsprach „die Vision einer Gesellschaft, in der nicht mehr die Abstammung, sondern Kompetenz und Leistung die Kriterien für Zugehörigkeit bilden sollten“, so Varga in der Einleitung zu seiner Studie. Gerade für jüdische Frankfurter war mit dem Begriff der Bürgerlichkeit die Hoffnung auf Emanzipation und rechtliche Gleichstellung verbunden. Tatsächlich gehörten der Polytechnischen Gesellschaft Ende der 1920er Jahre zahlreiche Mitglieder jüdischer Herkunft an.

János Varga zeigt, wie sich die Polytechnische Gesellschaft nach 1933 zunehmend an die nationalsozialistischen Verhältnisse anpasste, die er in den ersten Jahren der NS-Herrschaft als „ein typisches Beispiel für die selbständige und vorauseilende Anpassung zahlreicher gesellschaftlicher Vereinigungen an den Nationalsozialismus“ beschreibt. Zum Bruch mit der eigenen liberalen und humanistischen Tradition kam es im Jahr 1936, als im Zuge einer sogenannten „Bereinigung“ zahlreiche Persönlichkeiten aus der Mitgliederliste gestrichen wurden. Besonders jüdische und politisch verfolgte Mitglieder wurden auf diese Weise ausgegrenzt und ausgeschlossen. Varga rekonstruiert in seiner Studie die Schicksale von mindestens 25 Polytechnikern, die als Verfolgte des Nationalsozialismus gelten müssen, darunter 14 jüdisch-stämmige Polytechnikerinnen und Polytechniker, die während der NS-Zeit starben.

Zugleich richtet die Studie aber den Blick auch auf diejenigen Mitglieder, die sich dem NS-Regime zuwandten und seine Politik unterstützten. Zwischen 1933 und 1937 traten mindestens 12 Polytechniker der NSDAP bei. Hinzu kamen zahlreiche Neuaufnahmen von Parteimitgliedern in die Polytechnische Gesellschaft, sodass Ende 1944 knapp die Hälfte der Polytechniker der NSDAP angehörte.

Die Untersuchung endet nicht mit dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes. Varga nimmt in zwei Kapiteln auch den Wiederaufbau der Polytechnischen Gesellschaft in der Nachkriegszeit und ihren Umgang mit der eigenen Vergangenheit in den Jahren von 1945 bis 1966 in den Blick. Dabei fallen personelle Kontinuitäten auf: Auf der ersten PTG-Mitgliederliste aus dem Frühjahr 1946 standen 67 Personen, darunter mindestens 15 ehemalige NSDAP-Mitglieder – ein Anteil von mehr als 22 Prozent. Varga stellt auch fest, dass eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle des Vereins in der NS-Zeit lange ausblieb, ja, die dunklen Jahre in einschlägigen Publikationen ausgespart wurden. Im Fazit kommt der Autor zu dem Schluss, dass die Geschichte der Polytechnischen Gesellschaft im Nationalsozialismus mit der Preisgabe der eigenen Werte verbunden war.

„So schmerzhaft die Ergebnisse dieser Studie für uns sind, so müssen wir sie doch als Teil unserer Geschichte akzeptieren. Wir berufen uns auf eine lange Tradition des Bürgersinns, aber wir dürfen nicht nur auf die hellen Seiten unserer Geschichte schauen. Deshalb haben wir diese wissenschaftliche Aufarbeitung bewusst angestoßen und unterstützt. Wir wollen die Ergebnisse offen benennen und insbesondere den Menschen einen Platz in unserer Erinnerung geben, die damals aus unserer Gemeinschaft ausgeschlossen und verfolgt wurden, darüber hinaus aber auch Konsequenzen für unser aktuelles Handeln ziehen", sagt Prof. Dr. Volker Mosbrugger, Präsident der Polytechnischen Gesellschaft e. V.

Die Studie wurde von der Polytechnischen Gesellschaft e. V. und der Stiftung Polytechnische Gesellschaft finanziert und in wissenschaftlicher Unabhängigkeit vom Fritz Bauer Institut durchgeführt. Sie erscheint in der „Kleinen Reihe zur Geschichte und Wirkung des Holocaust“, herausgegeben von Prof. Dr. Sybille Steinbacher.

Almut von Tresckow, stellvertretende Präsidentin der Polytechnischen Gesellschaft und im Vorstand zuständig für die Aufarbeitung der Geschichte des Bürgervereins, möchte aus der Studie praktische Konsequenzen ziehen. „Aus der Forschungsarbeit von Herrn Varga folgt für uns, dafür Sorge zu tragen, dass die von uns proklamierten humanistischen Werte nicht ausgehöhlt, sondern stets von Neuem mit Leben gefüllt werden - gerade auch in schwierigen Zeiten. Unsere Gesellschaft ist unter dem Druck der politischen Umstände auf Abwege geraten. Der Verrat an den jüdischen und politisch verfolgten Mitgliedern verpflichtet uns heute dazu, ihrer in angemessener Form zu gedenken. Dieses Gedenken ist für uns zugleich eine Mahnung mit Blick auf unsere Gegenwart, in der wir selbst Verantwortung tragen.“

Für die 2005 gegründete Stiftung Polytechnische Gesellschaft ist die Veröffentlichung Anlass, ihr Engagement für politische Bildung, Erinnerungskultur, die Pflege des jüdischen kulturellen Erbes dieser Stadt und gegen Antisemitismus deutlich weiterzuführen.

„Seit unserer Gründung als Stiftung 2005 setzen wir uns kontinuierlich für die Pflege des kulturellen Erbes dieser Stadt ein. Ein sehr wichtiges Element dabei ist die Pflege des jüdischen kulturellen Lebens und Erbes. Aufgrund unserer humanistischen Tradition ist es seit Beginn unserer Stiftung klar, dass wir uns für die freiheitliche Demokratie, für die Menschenrechte und die Würde und gegen jede Form von Rassismus und vor allem Antisemitismus stellen. Bildung ist dabei für uns der zentrale Stellhebel. Mit Blick auf unsere Werte sind wir nicht neutral, wir verstehen uns als Themenanwalt für ein freies und blühendes jüdisches Leben in unserer Stadt. Frankfurt ist ohne seine jüdische Vergangenheit und aktuelle Kultur nicht denkbar. „Nie wieder ist jetzt!“ sind für uns nicht nur hohle Worte, sondern seit 21 Jahren Teil unserer Stiftungs-DNA. Aus der nun erschienenen Studie erwächst für uns eine besondere Verpflichtung: Wir wollen dazu beitragen, dass die Erinnerung an die damals ausgeschlossenen und verfolgten jüdischen Mitglieder der Polytechnischen Gesellschaft lebendig bleibt“, sagt Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft.

Polytechnische Gesellschaft und Stiftung Polytechnische Gesellschaft werden die Erkenntnisse der Studie auch über die Veröffentlichung hinaus aufgreifen. Am 18. November stellt János Varga in einem Vortrag die Ergebnisse seiner Forschungen der Öffentlichkeit vor. Die Veranstaltung des Fritz Bauer Instituts findet in Zusammenarbeit mit der Polytechnischen Gesellschaft auf dem Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt statt.

Außerdem planen die Polytechnische Gesellschaft sowie die Stiftung, die Erinnerung an die ausgeschlossenen und verfolgten Mitglieder in Zukunft sichtbarer zu machen.

Weitere Informationen zur Veranstaltung:

Bürgersinn und Nationalsozialismus. Die Polytechnische Gesellschaft und ihre Mitglieder 1929 bis 1966

Vortrag und Diskussion
Veranstaltung des Fritz Bauer Instituts in Kooperation mit der Polytechnischen Gesellschaft

18. November 2026, 18:15 Uhr,
Goethe-Universität Frankfurt am Main, Campus Westend
Norbert-Wollheim-Platz 1, IG Farben-Haus, Raum 311 (Parterre)

Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie unter diesem Link.

Weitere Informationen zur Publikation:

János Varga: Bürgersinn und Nationalsozialismus. Die Polytechnische Gesellschaft in Frankfurt am Main und ihre Mitglieder, Wallstein Verlag, Göttingen 2026

Kleine Reihe zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, Band 6

Herausgegeben von Sybille Steinbacher im Auftrag des Fritz Bauer Instituts

ISBN 978-3-8353-6166-9

 

Pressemitteilung als PDF