Literatur uneingeschränkt 26

Ein Experiment ist flügge geworden

"Literatur uneingeschränkt 26" in der Volksbühne im Großen Hirschgraben mit Bettina Hoppe und Michael Quast - und mit zwei Dutzend dichtenden Schülerinnen und Schülern

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Das Prinzip bei Ovid, dem Schöpfer unseres Mythenschatzes, ist überschaubar. Seine Metamorphosen können Zufall sein, dann ist man eben auf einmal eine Koralle. Oder eine Strafe etwa für Gotteslästerung. Oder eine Rettung vor einem liebestollen Gott. Wie bei Daphne. Oder eine Belohnung. Wie bei Philemon und Baucis für Liebe und Treue. Zufall, Strafe, Rettung, Belohnung – das ist es im Wesentlichen.  Was aber bedeuten Metamorphosen bei „Literatur uneingeschränkt“, dem inklusiven Projekt, in dem sich Kinder und Jugendliche klassische Texte erarbeiten und die Welten, die sich da auftun, poetisch in ihr Hier und Jetzt holen? Ovid, Homer und Sappho, verzeiht, aber da geht es auch um hohe Dichtkunst. Und um eine Selbstverwandlung.

Denn vieles ist anders an dem vierten Abend dieser Art. „Literatur uneingeschränkt “, entstanden im Arbeitskreis Inklusion der Polytechnischen Gesellschaft und von dieser unterstützt, ist flügge geworden. Das Projekt ist kein Experiment mehr, sondern ein Literatur-Labor, das sich mit seiner Jungdichterschar auf den Weg in die Stadtgesellschaft gemacht hat. Nach dem Motto: Hört uns zu, hier sind wir, wir haben etwas zu sagen. Gelandet ist es in der Volksbühne im Großen Hirschgraben. Frankfurter Schülerinnen und Schüler, viele mit Beeinträchtigungen, ob kognitiv oder körperlich, tragen ihre selbstverfassten Texte in einem richtigen Theater vor, auf einer richtigen Bühne, zusammen mit einer richtigen Schauspielerin und einem richtigen Schauspieler. Chapeau. Selbst das Publikum ist aufgeregt. Es ist mehr als zahlreich.

Man kann es auch so ausdrücken: Das Projekt hat neue, noch mehr Freunde gefunden. Allen voran den Hausherrn und Kooperationspartner Michael Quast und die Schauspielerin Bettina Hoppe, einst in Frankfurt Ensemblemitglied im Schauspiel, jetzt in Berlin am Berliner Ensemble. Gut, sie ist eine Freundin aus Schulzeiten von Franziska Deliry, ihres Zeichens Oberstudienrätin und Inklusionsbeauftragte an der Wöhlerschule. Sie hat das Projekt initiiert, ist der Spiritus rector des Ganzen und obendrein eine charmante und empathische Moderatorin: „Heute bin ich eine überglückliche Lehrerin.“

Dennoch – Bettina Hoppe hätte ja auch nein sagen können. Hat sie aber nicht, sondern hat zusammen mit Michael Quast die wohlbekannten Texte gelesen zum Thema „Veränderungen. Metamorphosen“.  Natürlich sind die beiden gut. Von Homer über Sappho bis Ovid, von Shakespeare über Droste-Hülshoff bis Stevenson, von Kafka bis Peter Fox. Dessen Text „Alles neu“ ist, flankiert von zwei Schülerinnen, die Geburtsstunde einer Rapperin namens Hoppe. „Ruft doch mal Yeah oder Hu dazwischen. Ich brauche Hilfe.“

Total cool im Scheinwerferlicht am Mikrophon, frei vortragend oder ablesend: Die Laien stehen den Profis in nichts nach. Lampenfieber? Bestimmt. Schließlich sind die allermeisten Neulinge.  Aber sie verstecken es gut. Ihren Applaus nehmen sie auch freudig-huldvoll entgegen. Recht so. Sie haben ihn verdient. Nur dass auf der Bühne Florian Cieslik an ihrer Seite ist. Ihr vertrauenserweckender „Coach“. Ein Blick genügt. „Flori“ ist von Anfang an bei „Literatur uneingeschränkt“ mit dabei, ist Lyriker und Slam-Poet mit großem Einfühlungsvermögen.

Es geht oft um Ernstes, etwa um die Frage, wer bin ich eigentlich, und wer sind die anderen, ums Lügen und ums Ehrlichsein. Zum Beispiel Malte. „Fluid“ heißt sein Gedicht und ist eine Replik auf Shakespeares Verwirrspiel „Was Ihr wollt“. Er kann es auswendig, rezitiert es, als würde er nichts anderes machen wollen.

Kennst du deine Freunde wirklich,
oder nur das, was sie dich kennen lassen?
 Verschanzt hinter ihrer Fassade
verändern sie sich im Stillen,
ohne dass man es merkt. . .
. . . Wir sind offensichtlich
völlig wandelbar? Fluid!
Bis zur Unkenntlichkeit,
so dass jetzt gar nicht mehr ich vor euch stehe,
sondern eine Hülle von mir, ein Holo-, ein Maltegramm.
Veränderungen entfremden Freunde,
schaffen geheime Meta-Ebenen, soziale Kälte folgt.
„Winter is coming“ mit der Zeit.
Bitte bleibt,
wer ihr seid.

Liia hat den Titel „Was ihr wollt“ übernommen, setzt unter der Meta-Ebene an, macht aber auch ihren Punkt:

Mein Bruder sagt: „Wir dürfen auf dem Handy spielen, komm los!“
Ich glaube ihm nicht, und Mama hat gesagt:
„Ihr dürft nicht lügen!“
„Ah, ich habe das wohl schon gelernt.“

Liia ist sicherlich jünger als Malte. Das Alter der Autoren und Autorinnen erfährt man jedoch nicht, auch nicht auf welcher Schule in welche Klasse sie gehen, nur den Vornamen. Das gehört zum Prinzip von „Literatur uneingeschränkt“. Keine Einordnungen. Sie geben ihre Antwort auf Klassiker. Das zählt.

Zum Beispiel Sophie auf Homers Zauberin Kirke, die die Gefährten von Odysseus in das gewisse Borstenvieh verhext.

Wenn jemand von euch nach den blöden Menschen,
die zu Schweinen verwandelt wurden, fragt:
Die leben jetzt auf einem Bauernhof,
das war’s.

Klarer Fall. Blöde Menschen ab in den Schweinestall. Amina hat auch nicht viel Erbarmen – „Rache“:

Nun kriegt ihr, was ihr verdienet,
zu lange tatenlos zugesehen.
Jetzt, ihr mir dienet,
Qualen, die nie vergehen . . .
Euer Erscheinungsbild nun Schwein,
euer Charakter schon immer verdorben . . .

Mit den Männern geht sie ebenfalls hart ins Gericht. Philemon und Baucis, ein rührendes, altes Paar, zu Rinde und Laub verwandelt, damit aus ihnen ein Baum für die Ewigkeit wächst? Von wegen:

Doch egal, wieviel Harz ich vergieß,
am Ende nur ein armes Weiblein.
Eine von vielen, alle vergessen,
verkrochen in ihrer Ecke
und er trägt den Lorbeerkranz.

Noch mehr Furor in Sachen Gleichberechtigung hat Sara, sie war schon im vergangenen Jahr unglaublich und ist es wieder:

„Die Welt für Frauen ist das Problem. Für die Klauen der Ungerechtigkeit. Denn warum lebe ich in einer Welt, in der 50 Prozent Frauen leben, sie aber kaum berücksichtigt werden. Ich muss mich doch gar nicht verändern, sondern die Welt.“

Sie sind so unterschiedlich. Sara ist die starke Powerfrau, auch bei ihrem zweiten Auftritt, Evelina ein zierliches Mädchen im schwarzen Wollkleid und mit schwarzer Blüte im Haar. Ihr Text heißt „Alles schwimmt“, handelt von einer Katze, einem Jungen und von unseren Köpfen, die nicht leer sind, sondern klug und wichtig, schon damit wir das Handy benutzen können. Und vom Lachen mit den Freunden und dem frech sein. „Die Katze wird dann immer wütend, schlimm!“ Evelina trägt ihre Gedanken in Gebärdensprache vor. Strahlend. Die Gebärdensprachdolmetscherinnen lesen sie wie später bei Havin. Da ist es auch umgekehrt. Sie sind alle großartig.

Es geht in einem so fort. Von Höhepunkt zu Höhepunkt. Unnachahmlich wie Gioelle das Gedicht „Gangster“ von Jalal verkörpert hat. Scheitel frisch gezogen, schwarzes T-Shirt und Hose. Was für eine Type. Gangstermäßig eben. „Ich bin ein Frankfurter Gangster“, aber nur bei Nacht, da macht er Quatsch, am Tag wird er wieder brav. Wenn das nicht auch eine Metamorphose ist.

Am Schluss stehen zwei Dutzend Nachwuchsliteraten und -literatinnen selig und stolz auf der Bühne. Es gibt viele Dankesworte – an alle. Aber wie wird das erst im nächsten Jahr? Da hat „Literatur uneingeschränkt“ Fünfjähriges. Sprich Jubiläum. Einverstanden, dann wird gefeiert.

Folgende Schulen haben mitgemacht: Wöhlerschule, Schule am Sommerhoffpark, Berufliche Schulen Berta Jourdan und Mosaikschule.

Von Cornelia von Wrangel

 

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