Vorstandsbericht

Veranstaltungen

Im ersten Halbjahr 2025 ging das Programm zum Schwerpunktthema „Wie wieder Frieden?“ weiter. Die Auseinandersetzung mit Möglichkeiten friedlicher Konfliktregulierung wurde mit einem Fokus auf Themen der internationalen Politik und insbesondere auf Aspekte der europäischen Sicherheit fortgeführt. Die Gesellschaften Europas stehen vor der schwierigen Aufgabe der Prioritätensetzung zugunsten der wenig populären Aufrüstung der Streitkräfte, die seit 1990 kontinuierlich abgebaut bzw. für neue Aufgaben anders aufgestellt worden waren.

Den ersten Vortrag am 14. Januar unter dem Titel „Wie isoliert ist Europa? Die EU und die neue Großmachtpolitik“ hielt die Politikwissenschaftlerin Dr. Jana Puglierin, Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations. Der Vortrag formulierte die These, dass Europa zwar nicht isoliert, aber in einer zunehmend von Machtpolitik geprägten Welt strukturell geschwächt ist und unter Druck steht. Puglierin sieht die liberale internationale Ordnung in Erosion begriffen, ein Prozess, der bereits vor dem Ukrainekrieg eingesetzt habe. Für die europäischen Staaten ergebe sich daraus ein doppeltes Problem: die große Abhängigkeit ihrer Sicherheitspolitik von den USA und eine starke Verwundbarkeit durch die internationale wirtschaftliche Verflechtung. Das überkommene europäische Modell einer liberalen, auf Multilateralismus, Freihandel und Kooperation gegründeten Weltordnung allein reiche nicht mehr aus, um in einer Welt geopolitischer Konkurrenz zu bestehen.

Die von Puglierin aufgezeigte Problematik buchstabierten weitere Vorträge im ersten Halbjahr 2025 aus: Dem Risiko einer Erosion der seit dem Zweiten Weltkrieg geschaffenen internationalen Rechtsordnung war der Vortrag des Völkerrechtsexperten und Richters Prof. Dr. Dr. h. c. Kai Ambos zum Thema „Völker(straf)recht in Bedrängnis: Was bleibt von der Weltfriedensordnung?“ am 28. Januar gewidmet. Dr. Niklas Schörnig vom Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung gab am 11. Februar einen Überblick über die zunehmende Nutzung von KI-Technologien im Militär und über die derzeit stark begrenzten Möglichkeiten einer internationalen Rüstungskontrolle auf diesem Feld. Am 18. März ging die Frankfurter Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Lisbeth Zimmermann im Vortrag „Mission impossible? UN-Friedensmissionen auf dem Prüfstand“ der Frage nach, inwiefern Instrumente der Vereinten Nationen zur Friedenssicherung im Kontext der neuen Großmachtkonkurrenz noch Wirkung entfalten können. Und in der Kooperationsveranstaltung mit dem Kuratorium Kulturelles Frankfurt „Sieger, Besatzer, Befreier“ am 20. Mai diskutierten die Politologin Cathryn Clüver Ashbrook, der Historiker Dr. Michael Fleitner und Dr. David Sirakov, Direktor der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz, was von der Partnerschaft Deutschlands mit Amerika noch bleibt. Die übergreifende Diagnose: Die Sicherheitspolitik steht unter Stress, alte Gewissheiten schwinden, traditionelle Bündnisse werden brüchig, die Europäer müssen sehr viel stärker ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen und wieder lernen, strategisch und realpolitisch zu denken. Vor allem: Dies sind keine Fragen, die nur in Berlin oder Brüssel relevant sind, sondern sie erfordern ein Umdenken auf allen Ebenen bis in die Kommunen und das Alltagsleben der Menschen.

Diese doch eher ungemütliche Weltlage mag den ein oder anderen bedrücken; Verzagtheit und Pessimismus helfen jedoch nicht weiter. Dann es doch lieber mit einer Weltbewältigungsstrategie jenseits des rationalen Argumentierens versuchen! Da hatte im ersten Halbjahr 2026 ausgerechnet der Arbeitskreis Krisenresilienz genau die richtigen Themen auf der Agenda: Am 23. Januar ging die Polytechnikerin und Ethnologin Dr. Anette Rein den religiösen Quellen menschlicher Resilienz auf den Grund; und am 6. März konnte sich das Publikum unter dem Titel „Keine Panik auf der Titanic!“ über eine recht kurzweilige Podiumsdiskussion mit Julia Mateus, Chefredakteurin der Frankfurter Satirezeitschrift Titanic, der Germanistin Jennifer Neumann und der Psychiaterin Prof. Dr. Barbara Wild über die heilsame Wirkung des Galgenhumors freuen.

Unverzagtheit, Zuversicht, Handeln – all diese polytechnischen Vokabeln fanden im zweiten Halbjahr eine sinnvolle Ergänzung im Motto der neuen Veranstaltungssaison 2025/2026: Mut, Wagnis, Verantwortung. Mit ihr folgten auf die Problemdiagnose im ersten Halbjahr Vorschläge zur konstruktiven Neuorientierung. Den Anfang machte am 21. Oktober Prof. Volker Wieland, früher ein Mitglied im Kreis der „Fünf Wirtschaftsweisen“, mit einem Gesprächsabend zur Lage der öffentlichen Finanzen und zur Staatsverschuldung angesichts massiver Investitionsbedarfe. Im Vortrag „Weckruf aus Washington“ am 28. Oktober ging der Journalist und ehemalige US-Korrespondent Christoph von Marschall der Frage nach, wie Deutschland von der US-Politik unter Trump profitieren kann. Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Herfried Münkler erörterte in seinem Vortrag am 25. November die Notwendigkeit eines sicherheitspolitischen Kerneuropas, das die so genannte Zeitenwende vorantreibt.

Die Steigerung der öffentlichen Ausgaben für sicherheitspolitische Anliegen geht mit einer Prioritätenverschiebung zu Lasten der Klimapolitik einher. Nachhaltigkeit und Klimaschutz scheinen von der Agenda zu verschwinden; der Handlungswille der Politik verblasst. Der Vorstand beobachtet diese Entwicklung mit Sorge und hat sich das Ziel gesetzt, klare Akzente gegen den Trend und die vorherrschende Themenkonjunktur zu setzen, so etwa mit einer Kooperationsveranstaltung mit dem Kunstgewerbeverein am 11. November, die sich dem Multispecies Design widmete und der Frage, wie die Verleihung einer Rechtspersönlichkeit an Naturorte (wie etwa an den Whanganui-Fluss in Neuseeland) die Gestaltung durch Design, Architektur und Landschaftsplanung verändert. Am 26. November rückte der Themenabend „Nachhaltig, demokratisch, zukunftsfest? Herausforderungen für die Gestaltung der Stadt Frankfurt von morgen“ die Frage nach der Zukunftsfähigkeit unserer Kommune ins Zentrum der Diskussion. Weitere Veranstaltungen dienten diesem Agendasetting so der Gesprächsabend am 1. Dezember mit Prof. Dr. Angelika Brandt zur Artenvielfalt in der Tiefsee sowie der Vortrag „Klima, Krise, Kreativität“ am 9. Dezember in Kooperation mit dem Bundesverband für EthnologInnen e.V., in dem die Anthropologin Michaela Meurer an Beispielen aus Brasilien und Mosambik darstellte, wie sich Menschen im globalen Süden dem Klimawandel stellen.

Veranstaltungsorganisatorisch schlug der Vorstand im Jahr 2025 einen neuen Weg ein. Erstmals war das Angebot als Saisonprogramm konzipiert, und auch das Programmheft wurde für eine ganze Saison ausgearbeitet. Der Effekt war erfreulich: Die Kosten für die Produktion und die Distribution von Programmheft und Plakaten konnten deutlich gesenkt werden. Diese Effekte werden noch deutlicher zu erkennen sein, wenn auch die Zahl der Veranstaltungen selbst reduziert wird. Die Zahl der Veranstaltungen hat sich im Jahr 2025 auf insgesamt 36 erhöht. Dabei sind die Workshops des Arbeitskreises Krisenresilienz im Rahmen der Lehrkräftefortbildung „Krisenresiliente Schule“ mitgezählt. Im Berichtsjahr gab es 28 klassische Abendveranstaltungen, also Vorträge oder Podiumsdiskussionen.

Hinsichtlich der Besucherzahlen verlief das Berichtsjahr erfolgreich: Mehr als zwei Drittel der Veranstaltungen erzielten ein gutes bis sehr gutes Zuschauerinteresse vor Ort. Bei den restlichen Veranstaltungen blieben die Besucherzahlen hinter den Erwartungen zurück. Die Reichweite der Veranstaltungen muss dabei auch vor dem Hintergrund des gesamten Veranstaltungsangebots in Frankfurt gesehen werden. Frankfurt bietet an jedem Wochentag die Wahl zwischen einer Vielzahl an hochwertigen Veranstaltungen. In diesem Umfeld großer Konkurrenz erreicht die Polytechnische Gesellschaft regelmäßig sehr gute Zuschauerzahlen.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen? Mit Blick auf den Einsatz knapper Mittel für Raummiete, Livestream, Werbung und Honorare ist es angemessen, auch eine gewisse Resonanz der Veranstaltungen beim Publikum zu erwarten. In diesem Sinne war zwar das Verhältnis von Aufwand und Ertrag nicht bei jeder Veranstaltung zufriedenstellend. Der Vorstand möchte jedoch die Veranstaltungen nicht allein nach einem quantitativen Erfolgsmaßstab bewerten, sondern auch auf Qualität, Relevanz und inhaltliche Tiefe der Themen achten. Dies gilt gerade für die Veranstaltungsthemen der Arbeitskreise, die ja ganz bewusst zu Fragestellungen gebildet wurden, die nicht im Zentrum des öffentlichen Interesses stehen, nach Auffassung des Vorstands jedoch sehr wohl höhere Aufmerksamkeit verdienen.

Es ist wichtig zu sehen, dass das polytechnische Veranstaltungsprogramm eben auch eine Form des Agendasettings darstellt. Wenn die Polytechnische Gesellschaft ein bestimmtes Thema in ihr Programm aufnimmt, zeigt sie damit auch, welche Fragen, Herausforderungen und Lösungen ihrer Ansicht nach mehr Beachtung, Diskussion und Auseinandersetzung verdienen. Angesichts der breiten Verteilung des Programmhefts in der Stadt sowie mit Blick auf die öffentliche Bewerbung der Veranstaltungen durch Plakate an 60 Standorten der Frankfurter U-Bahn und schließlich die Veröffentlichung über Radiotrailer im Rahmen der langjährigen Medienpartnerschaft mit hr INFO, ist davon auszugehen, dass den von der Polytechnischen Gesellschaft gesetzten Themen eine gewisse Aufmerksamkeit zuteilwird. Das ist durchaus ein Wert an sich.

Der Vorstand hat seine Analyse des Veranstaltungsjahrs 2025 zum Anlass genommen, seine Aktivitäten auf diesem Sektor neu zu bewerten und weiterzuentwickeln: Mittelfristig könnte dies zu einer stärkeren Differenzierung des Angebots führen. So muss nicht zwangsläufig jede öffentliche Veranstaltung live gestreamt werden. Ebenso wenig muss jede Veranstaltung an einem der großen Veranstaltungsorte der Stadt stattfinden. Für Themen, bei denen eine weniger breite Nachfrage zu erwarten ist, könnte künftig verstärkt das Polytechniker-Haus als Veranstaltungsort dienen. Auch der Werbeaufwand für Veranstaltungen könnte stärker gestaffelt werden.