Eine Frage der Ehre? Engagement bei der Feuerwehr

Stefan Cornel ist mit Leib und Seele in der Feuerwehr aktiv. Heute als Referent der Jugendfeuerwehr Frankfurt am Main tätig, trat Cornel 1983, im Alter von 16 Jahren, der Freiwilligen Feuerwehr bei. Bevor Cornel Referent wurde, engagierte er sich ehrenamtlich in Frankfurt als Stadtjugendfeuerwehrwart und in Hessen als Landesjugendfeuerwehrwart. Das Ehrenamt ist ihm eine Herzensangelegenheit. Seine Auszeichnung mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen erwähnt Cornel in unserem Interview dabei nicht einmal.

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Stefan Cornel im Feuerwehrhaus der Freiwilligen Feuerwehr Frankfurt am Main Kalbach. Bild: Polytechnische Gesellschaft e. V.

Herr Cornel, im internationalen Vergleich stellt die Feuerwehr in Deutschland gewissermaßen einen Sonderfall dar. Das hat viel mit der Organisation zu tun. Können Sie das genauer erklären?

Generell haben wir deutschlandweit eine einheitliche Struktur der Feuerwehr. In Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern muss es eine Berufsfeuerwehr geben, die rund um die Uhr einsatzbereit ist. In Städten mit einer Einwohnerzahl zwischen 50.000 und 100.000 Einwohnern gibt es die Hauptamtlichen Kräfte, die städtische Angestellte oder Kommunalbeamte sind. Sie haben reguläre Arbeitszeiten, sprich von Montag bis Freitag, von 8:00 bis 16:00 Uhr. Zweitens gibt es die Werksfeuerwehren, etwa am Frankfurter Flughafen oder beim Industriepark Höchst. Der weit überwiegende Teil bildet die dritte Gruppe: die Ehrenamtlichen der Freiwilligen Feuerwehr, die insbesondere in kleineren Städte und Gemeinden unter 50.000 Einwohnern tätig sind. Fakt ist: knapp 95 Prozent der Feuerwehrleute in Deutschland sind Ehrenamtliche. Dabei ist zu bedenken, dass wir eine gesetzlich vorgegebene Hilfsfrist von 10 Minuten haben, d.h. 10 Minuten nach Eingang eines Notrufs müssen erste Maßnahmen vor Ort eingeleitet werden. Die Hilfsfrist ist nur möglich, weil die Freiwilligen Feuerwehren dezentral organisiert sind – mit einer breiten Präsenz in der Fläche. Hierin liegt die große Stärke der Feuerwehr in Deutschland.

Die kommunale Aufstellung der Feuerwehr hat allerdings auch Nachteile: In der dezentralen Organisation ist es schwieriger, neue Ideen in die Fläche zu bringen. Die eigene Organisation ist Sache der kommunalen Akteure; die müssen Handlungsempfehlungen von oberster Stelle nicht unbedingt berücksichtigen. Ein Grund dafür ist, dass die Feuerwehrgesetzgebung Ländersache ist. Auf unterster Ebene kann man sich so den lokalen Gegebenheiten sehr gut anpassen, während die übergreifende Koordinierung oder die Durchführung von länderübergreifenden Übungen sehr viel schwieriger und entsprechend seltener ist.

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Als Referent für Jugendarbeit bei der Feuerwehr Frankfurt bemüht sich Stefan Cornel um den Nachwuchs. Der frühe Einstieg über die Kinder- und Jugendfeuerwehr ist ein spielerischer Erstkontakt, der nicht selten in einem jahrzehntelangen Engagement für die Freiwillige Feuerwehr mündet. Bild: Polytechnische Gesellschaft e. V.

Der Fokus Ihrer Arbeit liegt auf der Jugendarbeit. Das Engagement in der Feuerwehr kann schon in der Kindheit beginnen. Sie haben wesentlich die Gründung der Kinderfeuerwehr Frankfurt vorangetrieben. Was waren Ihre Beweggründe dabei?

Im Jahr 1996 war ich stellvertretender Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Frankfurt am Main Kalbach, nachdem ich bereits 10 Jahre Jugendfeuerwehrwart dort war. Damals war das Eintrittsalter in die Jugendfeuerwehr bereits von zwölf auf zehn Jahre gesenkt worden. Aber viele Kinder wollten noch viel früher bei der Feuerwehr mitmachen, mit fünf oder sechs Jahren. Bei meiner Idee zur Gründung einer Frankfurter Kinderfeuerwehr war ich vor allem von einem Aspekt beeinflusst: Selbst mit zehn Jahren ist der Terminkalender der Kinder oft schon gut gefüllt: mit Schule, Sport und anderen Freizeitaktivitäten. Wenn wir also so früh wie möglich neue Mitglieder für die Freiwillige Feuerwehr gewinnen wollen, müssen wir ganz früh ansetzen. So entstand der Plan für die Kinderfeuerwehr im Raum Frankfurt. Ein Problem waren die komplexen Organisationsstrukturen der Feuerwehr. Ich wandte mich an den Stadtjugendwart, den Stadtbrandinspektor (Chef der Freiwilligen Feuerwehr Frankfurt), den Landesfeuerwehrverband, die Hessische Jugendfeuerwehr, den Deutschen Feuerwehrverband und die Deutsche Jugendfeuerwehr. Überall waren die Beteiligten sehr von meinem Vorhaben begeistert, aber zuständig fühlte sich keiner. Daher nahm ich die Sache schließlich selbst in die Hand. Und so kam es zur Gründung der zweiten Kinderfeuerwehr in Deutschland. Zunächst entstand eine Handvoll Kinderfeuerwehren in Frankfurt; durch intensive Werbung fand das Konzept bald weit über Hessen hinaus, in ganz Deutschland großen Anklang. Mittlerweile sind die Kindergruppen Bundesweit etabliert, allein in Hessen sind über 16.000 Mädchen und Jungen mit Begeisterung dabei.

Wie steht es um das freiwillige Engagement in der Jugendfeuerwehr generell; wie entwickeln sich die Mitgliederzahlen?

In Hessen und vor allem im Rhein-Main-Gebiet, in Kassel und in Fulda, also in den Ballungsräumen, sind die Mitgliederzahlen der Jugendfeuerwehren stabil. Dafür haben wir einiges tun müssen. Klar ist: wir müssen stetig um neue Mitglieder werben. Die Fluktuation in den Jugendgruppen ist eine ständige Begleiterscheinung unserer Arbeit. So habe ich etwa die hessenweite Heldenkampagne DEINEJUGENDFEUERWEHR.de initiiert, die eine Frau und einen Mann als Feuerwehrhelden mit Wiedererkennungseffekt in den Mittelpunkt stellt. Mit  „Werben“ meine ich aber nicht nur die Mitgliedergewinnung für die Kinder- und Jugendfeuerwehr, sondern alle Aktivitäten, die junge Menschen für das Ehrenamt begeistern, sensibilisieren aber auch bei uns behalten.

Hinzu kommt: Wir müssen den jungen Menschen ein vielfältiges Angebot machen und es ständig erweitern. Wir müssen und wollen mehr Angebote machen, verfügen aber über eine gleichbleibende Zahl an aktiven Mitgliedern. Wo früher Frontalunterricht mit 20 Jugendlichen ausreichte, sind heute mehrere Jugendarbeiter notwendig, um das vielfältige Angebot umzusetzen und auf die individuelle Situation der Kinder und Jugendlichen einzugehen. Wir kümmern uns um junge Menschen in einer Altersspanne von 10 bis 17 Jahren, und unsere Betreuerinnen und Betreuer leisten eine fantastische Arbeit. Wir haben Mädchen und Jungen mit ihren individuellen Anliegen, und das Ausmaß an körperlicher Fitness ist sehr unterschiedlich bei den Kindern; all das sind Parameter, mit denen die Betreuerinnen und Betreuer umgehen müssen. Daraus ergeben sich sehr heterogene Jugendgruppen, wodurch jede unserer 28 Jugendfeuerwehren in Frankfurt unterschiedlich ist. Es ist absolut richtig und wichtig, dass wir den unterschiedlichen Anforderungen gerecht werden, und zum Glück sind wir in den eigenen Reihen so engagiert, dass wir das können.

Gibt es eine klassische Feuerwehr-Vita?

Im Idealfall bringt die Kinderfeuerwehr Jungen und Mädchen in die Jugendfeuerwehr, aus der dann der Nachwuchs für die Freiwillige, die Hauptamtliche und die Berufsfeuerwehr hervorgeht. Wenn wir eine gute Kinder- und Jugendarbeit machen, dann bleiben die jungen Menschen dabei und wachsen mit ihren Aufgaben. Dafür braucht es Konzepte und Inhalte, die bei der Zielgruppe ankommen. Jugendliche wollen ihr Ehrenamt zielorientiert ausfüllen und nicht nur die Feuerwache kehren. Die zweijährige Ausbildung muss attraktiv gestaltet sein, damit die Jugendlichen im Ehrenamt bleiben. Und wir müssen Zeit investieren. Beim Einstieg in die Freiwillige Feuerwehr führen wir mit den Jugendlichen ein ausführliches Gespräch, in dem wir Ziele und Erwartungen definieren. Die Jugendlichen bekommen einen Mentor, der für sie Vorbild und Ansprechpartner ist. Wir richten eine hohe Aufmerksamkeit auf die Übergangsphase von der Jugendfeuerwehr zur Freiwilligen Feuerwehr, in der wir darauf achten, dass die jungen Leute - genauso wie in den Kinder- oder Jugendfeuerwehrgruppen - mit ihren Freunden und Kameraden zusammenbleiben. Aus meiner Erfahrung, und das belegen auch die Zahlen, lohnt sich dieses Engagement für die Kinder- und Jugendarbeit enorm: Der Großteil der Kolleginnen und Kollegen in der Hauptamtlichen und in der Berufsfeuerwehr kommen aus der Freiwilligen Feuerwehr. Unsere Jugendgruppen sind Zukunftsschmieden für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt und Bürgerengagement.

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Stefan Cornel in Einsatzkleidung. Die Ausrüstung und Gerätschaften an Bord der Fahrzeuge müssen den Herausforderungen immer wieder angepasst werden. Es verwundert nicht, dass die hohen technischen Standards den freiwilligen Feuerwehrkräften viel Training und Anpassungsfähigkeit abverlangen. Jeder Handgriff muss sitzen, Verlässlichkeit ist eine notwendige Bedingung. Bild: Polytechnische Gesellschaft e. V.

Wird die Jugendfeuerwehr auch in Krisen- und Katastrophenfällen dazu gerufen?

Ganz grundsätzlich nimmt die Jugendfeuerwehr nicht an Einsätzen teil – zu ihrem eigenen Schutz. Als ich selbst Mitglied der Jugendfeuerwehr war, wurden die Jugendlichen noch zu Einsätzen mitgenommen – das ist heute unvorstellbar. Das Risiko ist schlichtweg viel zu hoch und die Erlebnisse möglicherweise traumatisierend, als dass wir das verantworten könnten. Es ist auch nicht denkbar, dass wir beispielsweise einen Zehnjährigen am Einsatzort betreuen. Auch wenn die jungen Freiwilligen nicht an Einsätzen teilnehmen dürfen, können sie durch die Arbeit und die Trainings in der Jugendfeuerwehr ein hohes Maß an Gefahrenbewusstsein, Eigenverantwortung  und Teamgeist entwickeln – Fähigkeiten, die in jeder Lebenslage wichtig sind. An Vorbereitungen für die Einsatzkräfte sind die Jugendlichen beteiligt und leisten dort konkrete, nützliche Beiträge zur Arbeit der Feuerwehr.

Die Feuerwehr löscht nicht nur Feuer und pumpt Keller aus. Welche Rolle spielt die Feuerwehr in schweren Krisen und im Katastrophenfall?

Generell sind die Feuerwehren zuständig für den abwehrenden Brandschutz und die technische Hilfeleistung. Dabei arbeiten sie im Katastrophenfall auch mit anderen Organisationen, etwa dem Technischen Hilfswerk, zusammen. In Frankfurt und Hessen gibt es ein gutes Netz an Hilfsorganisationen; allerdings finden zu wenig gemeinsame Übungen statt.

Im Katastrophenfall ist allerdings nicht nur ein starkes Netzwerk an Einsatzkräften wichtig, sondern auch Systeme, um die Bevölkerung über eine Gefahrenlage zu informieren und zu warnen. Da haben wir noch Probleme: Der Ausfall des Notrufsystems am 11. November 2021 ist dafür ein Beispiel. Zwar hatten wir zu dem Zeitpunkt keinen Katastrophenfall, daher ist dieser Ausfall glimpflich verlaufen, aber er sorgte für eine deutliche Verunsicherung in der Bevölkerung. Die Feuerwehren in Frankfurt am Main wurden in Alarmbereitschaft versetzt und postierten vor jeder Feuerwache und auf öffentlichen Plätzen im Stadtgebiet Ansprechpartner als Meldestellen, um den direkten Kontakt zur Bevölkerung zu gewährleisten. Wir haben zwar die Menschen über verschiedene Kommunikationswege über die aktuelle Lage informiert, aber wir konnten so nicht alle Bewohner erreichen.

Ein weiteres Krisenszenario ist der allgemeine Stromausfall. Ein Stromausfall würde uns vor große Probleme stellen: Krankenhäuser, Feuerwehrwachen und andere Einrichtungen der kritischen Infrastruktur sind zwar mit Notstromaggregaten ausgestattet. Aber bereits kleinere Kliniken, Senioren- und Pflegeheime sind davon ausgenommen. Und selbst wenn ein Notstromaggregat vorhanden ist, stellt sich schnell die Frage, woher der Nachschub an Sprit kommen soll, wenn über längere Zeit der Strom ausfällt. Die Einsatzschwerpunkte der Feuerwehr haben sich dementsprechend verändert. Hauptsächlich geht es mittlerweile um technische Hilfeleistung in alltäglichen Situationen und in Krisenfällen sowie um Rettungseinsätze. Die Kernaufgabe der Feuerwehr, die Brandbekämpfung, macht nur 30 Prozent der Einsätze aus.

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Neben der Möglichkeit jederzeit den Notruf wählen zu können, sollte die Bevölkerung gewisse Vorbereitungen für den Krisenfall treffen. Eine Taschenlampe, Kerzen und Trinkwasser - diese und weitere haushaltsübliche Gegenstände sollten für den Ernstfall greifbar sein. Bild: Polytechnische Gesellschaft e. V.

Laut Umfragen der Allianz-Versicherung sind die Menschen in Deutschland schlecht auf Krisenereignisse und Ausnahmesituationen vorbereitet. Wie sehen Sie das?

Der bundesweite Warntag war ein Fiasko für das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Mittlerweile werden ziemlich gute Kampagnen zum Thema Krisenvorsorge auf Social-Media-Kanälen geschaltet. Vom BBK gibt es eine Checkliste wichtiger Vorräte und Gegenstände für den Krisenfall, die dennoch kaum jemand kennt. Um diese Checkliste bekannter zu machen, müsste man breit ansetzen und Hilfsorganisationen, Feuerwehren, das Technische Hilfswerk und andere Akteure einsetzen. Es geht dabei nicht um Panikmache, sondern einfach darum, in überschaubaren Mengen essentielle Gegenstände und Vorräte im Haushalt zu haben. Die Checkliste des BBK ist ein wichtiger Punkt für alle Bürgerinnen und Bürger mit Blick auf ihre Eigenverantwortung. Darum geht es in diesem Zusammenhang eben auch: die Eigenverantwortung in der Bürgergesellschaft wieder zu stärken.

Ein weiterer Punkt ist das Alarmsystem zur Warnung der Bevölkerung im Katastrophenfall. Deutschland ist leider ein Flickenteppich, wenn es um die Warnung der Bevölkerung geht. Mittlerweile gibt es zwar Warn-Apps; die sind jedoch entweder auf Landesebene entwickelt worden oder verschicken schlichtweg zu viele belanglose Warnhinweise. Die Bevölkerung wird viel zu wenig über mögliche Gefahrensituationen und die Bedeutung von Warnsignalen aufgeklärt.

Noch haben wir es hierzulande relativ selten mit Katastrophenfällen zu tun, aber durch den Klimawandel werden wir in Zukunft womöglich häufiger Situationen erleben, in der die Bevölkerung schnell informiert werden muss und dann nicht völlig überfordert sein sollte. Die Feuerwehr Frankfurt beschäftigt sich in der 2021 gegründeten Abteilung Bevölkerungsschutz und Bevölkerungswarnung eingehend mit der Frage, wie wir alle Generationen effektiv warnen können. Vielleicht schaffen wir hier ein Leuchtturmprojekt, vergleichbar mit der Kinderfeuerwehr.

Welche Rolle spielen Ehrenamtliche in Krisensituationen, wie beispielsweise in der Corona-Pandemie oder bei der Flutkatastrophe im Ahrtal?

Diese beiden Ausnahmesituationen haben eindeutig die Wichtigkeit des ehrenamtlichen Engagements aufgezeigt. Und wir sehen, dass ein hoher Grad an Individualisierung in der Gesellschaft dem Gemeinwesen nicht guttut. Nach wie vor findet Ehrenamt hauptsächlich in Vereinsstrukturen statt. Doch die Gesellschaft wandelt sich, und wir müssen dem Rechnung tragen. Viele Menschen wollen sich lieber in Initiativen engagieren, die meist zeitlich und durch ein Projektziel in ihrem Umfang begrenzt sind. Sie wollen ein unbürokratisches Engagement ohne feste Vereinsstrukturen. Wir müssen Wege finden, diese beiden Formen des Engagements zu kombinieren und schlussendlich den Kit zu schaffen, der unsere Gesellschaft durch bürgerschaftliches Engagement zusammenhält. Gerade durch unsere Jugendarbeit leisten wir einen wichtigen Beitrag, indem wir den Kindern und Jugendlichen ein Bewusstsein für Eigenverantwortung und Selbstschutz mit Blick auf Katastrophen und Notsituationen geben.

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Während des Einsatzes erkennen sich die Feuerwehrkräfte nicht; einzig die Funktion und ob ein Atemschutzgerät getragen wird, kann anhand der Markierungen am Helm erkannt werden. Bild: Polytechnische Gesellschaft e. V.

Auf ihrer Webseite heißt es, dass die Mitglieder der Jugendfeuerwehr neben technischem Verständnis eine Vielzahl von Tugenden erwerben, die in unserer heutigen Zeit immer wichtiger werden. Welche Tugenden meinen Sie damit?

Die wichtigsten Werte, die in der Jugendfeuerwehr und darüber hinaus vermittelt und gelebt werden, sind Teamgeist, Respekt und Toleranz. Ob im Dorf, im Stadtteil oder in der Stadt – nur durch gemeinschaftliches Engagement können wir Ziele erreichen und etwas bewegen. Viele finden den Weg in einen Verein, weil sie mit Freunden etwas erleben möchten. Das gilt besonders für Kinder und Jugendliche. Bei mir war es genauso. Ich kam damals mit 16 Jahren durch einen guten Freund zur Jugendfeuerwehr. Wenn man dann jungen Menschen einfach die Chance gibt, sich zu entfalten, dann entwickelt sich schnell der richtige Teamgeist. Das sollte in einem geschützten Rahmen stattfinden, und genau diese Bedingungen bieten wir bei der Jugendfeuerwehr.

Uns als Jugendfeuerwehr war sehr daran gelegen, dass die Jugendlichen in einem gemeinsamen Prozess Werte definieren, die sie selbst für wichtig erachten und die ihnen nicht einfach vorgegeben sind. So ist unsere so genannte Wertespirale entstanden, die ich unglaublich bemerkenswert finde. Ganz oben stehen hier Werte wie Demokratie, Inklusion und Weltoffenheit, aber auch Kameradschaft, Verantwortung und Vertrauen, um nur einige der Werte zu nennen, die sich die Jugendlichen der Jugendfeuerwehr in ihrem Wertekodex selbst gegeben haben.

Auch wenn wir im Einsatz auf eine stringente Verantwortungsstruktur angewiesen sind, liegen unsere Wurzeln in den demokratischen Bewegungen von 1848. Danach haben sich mutige Bürger zu Freiwilligen Feuerwehren zusammengetan. Demokratisches Bewusstsein und Selbstverantwortung sind die Basis unseres Ehrenamtes.

Welche Rolle spielt eigentlich die Diversität in der Feuerwehr?

Das ist eine sehr wichtige Frage, die uns auch immer wieder von der Politik gestellt wird.  Ich kann gleich vorwegschicken: Ich selbst bin seit langem im Lenkungskreis Integration auf Landesebene engagiert und ich kann sagen, dass wir im Grunde kein Integrationsproblem bei der Jugendfeuerwehr und bei der Freiwilligen Feuerwehr an sich haben, sondern ein Zugangsproblem beim Ehrenamt. Das hängt auch mit der eingangs erwähnten Organisationsstruktur der Feuerwehren in Deutschland zusammen. Das Konzept der Freiwilligen Feuerwehr ist nie über die Grenzen des deutschsprachigen Raums hinaus bekannt geworden. Jenseits dieser Grenzen stehen Blaulicht und Uniformen sehr oft für die staatliche Gewalt. Ein Problem ist, dass die Menschen in vielen Ländern gut begründete Vorbehalte gegenüber der staatlichen Gewalt hegen. Dass die Feuerwehr im Wesentlichen eine Sache der Bürger ist, sehen Menschen, die solche negativen Erfahrungen in ihren Herkunftsländern gemacht haben, oft nicht. Ohne entsprechende Werbung erreicht man sie nicht. Wir brauchen die Unterstützung der Stadtgesellschaft und der Politik, um Menschen für das Ehrenamt zu gewinnen. Das gilt gerade auch für Menschen mit Migrationsgeschichte. Engagement und Integration gehen für mich Hand in Hand. Ich bin sicher: Durch gut gemachte Kampagnen könnten wir mehr Menschen für ehrenamtliche Aktivitäten begeistern. Doch schon heute gilt, dass wir vor allem in den Stadtteilen eine effektive Integrationsarbeit leisten. Unsere Feuerwehren sind schon heute so vielfältig wie die Stadt Frankfurt oder ihre Stadtteile. Auf Anfragen der Politik zum Anteil verschiedener Personengruppen in der Feuerwehr antworten wir nicht mehr. Wir möchten uns nicht mehr intern nach Herkunft zählen, damit ergeben sich nur unnütze Fragen und wir schaffen in unseren Gruppen Ausgrenzung. Den Jugendlichen, die bei uns mitmachen, ist ohnehin egal, woher ihr Gegenüber kommt – und damit sind sie der Politik weit voraus.

Gibt es eine Zusammenarbeit zwischen der Jugendfeuerwehr und den Schulen?

Bereits in Kindergärten und Schulen setzen wir mit der Brandschutzerziehung an, um junge Menschen für den Ernstfall vorzubereiten. Zwei Faktoren schränken diese Arbeit jedoch ein. Zum einen werden die Veranstaltungen in der Fläche von Ehrenamtlichen durchgeführt. Eine flächendeckende Brandschutz- oder Sicherheitserziehung ist so nur schwer zu bewältigen. Zum anderen argumentieren einige Schulen, dass ihnen neben dem regulären schulischen Betrieb schlichtweg die Zeit für solche Veranstaltungen fehle.

Mit der Kampagne des Landes Hessen „Mehr Feuerwehr in die Schule“, in dessen Lenkungskreis ich seit Beginn mitarbeite, sollen aber Kooperationen zwischen Schulen und Freiwilligen Feuerwehren initiiert und ausgebaut werden. Im Jahr 2018 hat sich eine Projektgruppe Frankfurt-Main-Taunus-Hochtaunus gebildet. Danach gab es durchaus Standorte, an denen sich vermehrt Schüler bei der Freiwilligen Feuerwehr engagiert haben. Ich möchte aber nicht so sehr das Thema Freiwillige Feuerwehr in die Schule bringen, vielmehr geht es mir um das Thema Ehrenamt, das im Schulalltag verankert werden muss. Es ist mir wirklich ein wichtiges Anliegen, Zugänge und Anreize für ehrenamtliche Tätigkeiten jeder Art zu schaffen und die Feuerwehr als eine Möglichkeit ehrenamtlichen Engagements vorzustellen. Leider bleibt es häufig bei Modellprojekten, die oft zeitlich befristet sind.

Teamgeist, Respekt und Toleranz - diese Tugenden spielen von Beginn an eine wesentliche Rolle.
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Praktisch in allen gesellschaftlichen Bereichen gibt es die Möglichkeit eines ehrenamtlichen Engagements, etwa die Freiwillige Feuerwehr in Deutschland: es sind mehrheitlich freiwillige Feuerwehrleute, die im Notfall zu Hilfe kommen. Bild: Polytechnische Gesellschaft e. V.

Große Spielwarenhersteller haben das Thema Feuerwehr in ihrer Produktpalette. Wie realistisch sind diese Spielsachen? Welche finden Sie besonders gut?

Das Thema Spielzeug und Bücher spielt für die Kinder- und Jugendfeuerwehr eine ganz große Rolle. Es gibt sehr viele tolle Kinder- und Sachbücher, bei denen man merkt, dass die Autoren sich vorher eingängig mit der Thematik Feuerwehr beschäftigt haben. Bei den Spielzeugen gibt es zwei große Anbieter – Lego und Playmobil. Gerade Playmobil ist für uns als Jugendfeuer wirklich wichtig, aus vielerlei Gründen: So hat Playmobil die Feuerwehr schon ewig im Portfolio, aber eben auch andere Einrichtungen, wie beispielsweise das Technische Hilfswerk. Damit ist der Netzwerkcharakter, über den wir vorhin sprachen, schon in der Spielwelt angelegt. Ganz entscheidend für die Anerkennung dieser Spielzeuge ist, dass es einen Informationsaustausch zwischen Playmobil und der Feuerwehr gab. Nehmen wir als Beispiel Menden in Nordrhein-Westfalen: Seit 20 Jahren existiert hier ein Brandschutz-Erziehungsdorf, dessen Mitarbeiter damals Kontakt zu Playmobil aufgenommen haben. Seitdem sind sowohl die Figuren als auch die Fahrzeuge so nah an der Realität – das ist wirklich sensationell! Meines Wissens nach gibt es wohl kaum eine Kinder- oder Jugendfeuerwehr, in der Playmobil noch keinen Einzug gehalten hat. Die Figuren und Fahrzeuge sind nicht nur tolle Spielzeuge. Gerade in der Kinder- und Jugendarbeit können wir Playmobil auch in der Ausbildung gut nutzen. Für theoretischen Unterricht, etwa zu Planübungen, zur Besatzung eines Fahrzeugs und zur Aufgabenverteilung der Mannschaft verwenden wir die Spielzeuge – und das sowohl bei der Kinder- als auch bei der Jugendfeuerwehr.

Wie könnten die Polytechnische Gesellschaft und ihre Töchter die Jugendfeuerwehr Frankfurt unterstützen?

Die kurze Antwort: ganz viel. Und sie tun es auch schon: Der Stiftung Polytechnische Gesellschaft – als Tochter der Polytechnischen Gesellschaft – bin ich seit ihrer Gründung sehr verbunden. In meiner Zeit als Stadtjugendfeuerwehrwart kam damals Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, auf mich zu, weil er sich ein genaueres Bild von der Kinder- und Jugendarbeit in den Stadtteilen Frankfurts machen wollte. Aus diesem Austausch ist später das Projekt „Stadtteilbotschafter“ entstanden, das wir als Jugendfeuerwehr seit Anbeginn begleiten. Ich erinnere mich daran, wie wir bei einem Abschiedsabend der Stadtteilbotschafter zusammenstanden – Prof. Dr. Kaehlbrandt, Jan Lamprecht, der damalige Vorsitzende des Frankfurter Jugendrings, sowie Thomas Sittler, zu jener Zeit der Stadtverbandsvorsitzende der Vereinsringe – und darüber philosophierten, wie man das Ehrenamt stärken könnte. Wir konnten ein gemeinsames Thema mit Blick auf das Ehrenamt identifizieren: Qualifikation. Aus diesen Überlegungen heraus entstand damals die Bürger-Akademie, die Schulungen und Workshops für Ehrenamtliche bietet – mit dem Ziel, die ehrenamtliche Arbeit methodisch zu verbessern und Multiplikatoren für das Ehrenamt zu aktivieren, aber auch zu vernetzen. Neben der Förderung von Engagierten spielt der Beirat der Bürger-Akademie eine wichtige Rolle für die ehrenamtliche Arbeit in Frankfurt. Hier bauen wir Netzwerke auf, tauschen Ideen und Erfahrungen aus und entwickeln das Ehrenamt weiter.

Ganz konkret könnte die Polytechnischen Gesellschaft mithelfen, die Sichtbarkeit des bürgerschaftlichen und ehrenamtlichen Engagements zu verbessern. Um unsere zunehmend individualisierte Gesellschaft stärker zusammenzuführen und den Aspekt des gegenseitigen Helfens wieder in den Fokus zu rücken, braucht es Einrichtungen wie die Polytechnische Gesellschaft als Vermittler und Sprachrohr. Gleichzeitig liegt die Verantwortung für das Ehrenamt nicht nur bei Vereinen wie der Polytechnischen Gesellschaft oder der Freiwilligen Feuerwehr. Einen wesentlichen Beitrag müssen die Politik, die Schulen, die Universitäten und die Arbeitgeber leisten. Die heutige Generation setzt sich private und berufliche Ziele, bei denen die Ausübung eines Ehrenamts wenig Platz hat. Ich sehe die Verantwortung aber nicht in erster Linie bei den jungen Menschen, sondern bei all den Institutionen, die Strukturen schaffen und Wertvorstellung fördern, die eine auf die eigene Karriere fokussierte Einstellung unabdingbar machen.

Positiv zu bewerten ist, dass immer mehr Unternehmen Freiräume für freiwillige und ehrenamtliche Tätigkeiten schaffen. Ob solche Angebote geschaffen werden, hängt jedoch ganz erheblich von einzelnen Personen ab. Ein Manager in einer Führungsposition, der selbst bei der Jugendfeuerwehr war, wird mit viel höherer Wahrscheinlichkeit Strukturen unterstützen, die es seinen Mitarbeitern erlauben, ein anspruchsvolles Ehrenamt neben dem Beruf auszuüben.

Herr Cornel, vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Constantin D. Groß

Engagement ist der Kit, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Die Rolle ehrenamtlichen Engagements kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Stefan Cornel